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diesen Mann auf dem Pferde seines Herrn sitzen, und es
war keine Frage mehr nötig: der Oberst war tot, eine Kar-
tätsche hatte ihn auseinandergerissen. Am späten Abend
kam der Bursche des jüngsten zu Fuß; der jüngste war
am Tage nach der Schlacht ums Lehen gekommen. Um
Mitternacht endlich kam ein Artillerist an und meldete
ihm den Tod des letzten Kindes, auf dessen Haupt der
arme Vater in den paar Stunden sein ganzes Lehen ge-
setzt hatte. Ja, Madame, sie waren alle gefallen!«
Nach einer Pause, in der der Priester seine Bewegung
niedergekämpft hatte, fuhr er mit sanfter Stimme fort:
»Und der Vater ist am Leben geblieben. Er hat begriffen,
daß er, wenn Gott ihn auf Erden ließ, eben hienieden
weiter leiden sollte, und das tut er; aber er hat sich in den
Schoß der Religion geflüchtet. Was konnte aus ihm wer-
den?«
Die Marquise richtete den Blick auf das Gesicht dieses
Pfarrers, das in Leid und Entsagung erhaben schon ge-
worden war. Sie wartete auf das Wort, das ihre Tränen
zum Fließen bringen würde.
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»Priester, Madame; die Tränen hatten ihn geweiht, ehe er
vor dem Altar die Weihen erhielt.«
Es herrschte eine Weile Schweigen. Die Marquise und
der Pfarrer sahen durch das Fenster in die nebelverhan-
gene Ferne, als ob sie die sehen könnten, die nicht mehr
waren.
»Nicht Priester in einer Stadt, sondern ein schlichter
Dorfpfarrer«, fügte er noch hinzu. »In Saint-Lange«, sag-
te sie und trocknete sich die Tränen. »Ja, Madame.«
Niemals hatte sich die Majestät des Schmerzes Julie er-
habener gezeigt; und dieses : Ja, Madame9 fiel mit dem
Gewicht eines unendlichen Schmerzes auf ihr Herz. Die-
se Stimme, die im Ohr so sanft klang, erschütterte sie bis
ins Innerste. Oh, das war die Stimme des Elends, diese
volle, schwere Stimme, die sie unwiderstehlich in ihren
Bann zu ziehen schien.
»Monsieur«, sagte die Marquise fast ehrerbietig, »wenn
ich nun nicht sterbe, was soll dann aus mir werden?« 
»Madame, haben Sie nicht ein Kind?«  »O ja«, antwor-
tete sie kalt.
Der Pfarrer warf dieser Frau einen Blick zu, wie ihn ein
Arzt auf einen Schwerkranken wirft. Er beschloß, alles
aufzubieten, um sie dem Geist des Bösen zu entreißen,
der schon die Hand nach ihr ausstreckte.
»Sie sehen, Madame, wir müssen mit unsern Schmerzen
leben, und nur die Religion kann uns wahren Trost ge-
währen. Wollen Sie mir erlauben, wiederzukommen und
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Sie die Stimme eines Mannes hören zu lassen, der mit
allem Leid mitfühlen kann und der, glaube ich, nicht ge-
rade etwas Abstoßendes an sich hat?«  »Ja, Monsieur,
kommen Sie. Ich danke Ihnen, daß Sie an mich gedacht
haben.«  »Dann, Madame, auf Wiedersehen!«
Dieser Besuch entspannte die Seele der Marquise, deren
Kräfte durch den Kummer und die Einsamkeit zu heftig
gereizt worden waren. Der Priester hatte Balsam in ihr
Herz geträufelt und den heilsamen Klang religiöser Wor-
te dort zurückgelassen. Sie empfand jene Genugtuung,
die den Gefangenen tröstet, wenn er erst erkannt hat, wie
tief seine Verlassenheit und wie schwer seine Ketten
sind, und nun einen Nachbar findet, der an die Wand
klopft und mit dem er durch Klopfzeichen seine Gedan-
ken austauschen kann. Sie hatte einen unverhofften Ver-
trauten. Aber bald fiel sie in ihre bitteren Betrachtungen
zurück und sagte sich wie der Gefangene, ein Leidensge-
fährte könnte weder ihre Fesseln noch ihre Zukunft er-
leichtern. Der Pfarrer hatte bei einem ersten Besuch einen
völlig selbstsüchtigen Schmerz nicht zu sehr aufwühlen
wollen; aber er hoffte, seiner Geschicklichkeit würde es
bei einem zweiten Besuch gelingen, sie der Religion ge-
neigter zu machen. Am übernächsten Tage kam er also,
und der Empfang durch die Marquise zeigte ihm, daß
sein Besuch erwünscht war.
»Nun, Madame la Marquise«, fragte der Greis, »haben
Sie über die Fülle der menschlichen Leiden etwas nach-
gedacht? Haben Sie die Augen gen Himmel gerichtet?
Haben Sie dort die Unendlichkeit von Welten gesehen,
die unsere Wichtigkeit vermindert, unsere Eitelkeit ver-
nichtet und dadurch unsern Schmerz lindert?«  »Nein,
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Monsieur«, war ihre Antwort; »die Gesetze der Gesell-
schaft lasten mir zu stark auf dem Herzen und zerreißen
es mir zu heftig, als daß ich mich zu den Himmeln erhe-
ben könnte. Aber die Gesetze sind vielleicht weniger
grausam als die Bräuche der Gesellschaft. Oh, die Ge-
sellschaft!«  »Wir sollen dem einen wie dem andern
gehorchen: das Gesetz ist das Wort, und die Bräuche sind
die Handlungen der Gesellschaft.«  »Der Gesellschaft
gehorchen? ...« versetzte die Marquise mit einer Gebärde
des Abscheus. »Oh, Monsieur, daher stammen all unsere
Übel und Leiden. Gott hat nicht ein einziges Gesetz des
Unglücks gemacht; aber die Menschen haben, als sie sich
zusammenschlossen, sein Werk verfälscht. Wir Frauen
werden von der Zivilisation mehr mißhandelt, als die
Natur es tun würde. Die Natur legt uns physische Qualen
auf, die ihr nicht gemildert habt, und die Zivilisation hat
Gefühle zur Entfaltung gebracht, die ihr unaufhörlich
täuscht. Die Natur unterdrückt die schwachen Geschöpfe,
ihr verurteilt sie zu leben, um sie dauerndem Unglück
auszuliefern. Die Ehe, diese Einrichtung, auf die sich die
Gesellschaft heute stützt, läßt uns allein ihre ganze Last
fühlen; für den Mann die Freiheit, für die Frau Pflichten.
Wir sind euch unser ganzes Leben schuldig; ihr schuldet
uns von eurem nur seltene Augenblicke. Kurz, der Mann
hat die Wahl, wo wir uns blind unterwerfen. Oh, Monsi-
eur, Ihnen kann ich alles sagen! Hören Sie! Die Ehe, wie
sie heute ist, scheint mir eine gesetzliche Prostitution zu
sein. Darin liegt die Quelle meiner Leiden. Aber ich al-
lein unter all den unglücklichen Geschöpfen, die so unse-
lig verkuppelt sind, muß schweigen! Ich allein bin schuld
an meinem Unglück, ich habe meine Ehe gewollt.«
Sie brach ab, vergoß bittere Tränen und schwieg.
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»In diesem tiefen Elend, in diesem Ozean des Wehs«,
fing sie dann wieder an, »hatte ich eine kleine Sandbank
gefunden, auf die ich die Füße setzen konnte, wo ich lei-
den konnte, wie mirs ums Herz war; ein Orkan hat alles
weggerissen. Nun bin ich allein, ohne Stütze, zu schwach
gegen die Stürme.«  »Wir sind nie schwach, wenn Gott
mit uns ist«, sagte der Priester; »und wenn Sie übrigens
keine zärtlichen Bande haben, die Sie an die Erde fesseln,
haben Sie keine Pflichten zu erfüllen?«  »Pflichten und
immer Pflichten!« rief sie ungeduldig; »aber wo sind für
mich die Gefühle, die uns die Kraft geben, sie zu erfül-
len? Monsieur, für nichts gibt es nichts, und von nichts
kommt nichts; das ist eins der gerechtesten Gesetze in der
moralischen und physischen Welt. Verlangen Sie von
diesen Bäumen, sie sollten ihre Blätter ohne den Saft [ Pobierz caÅ‚ość w formacie PDF ]
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